Hebammenwissenschaft: Was hinter dem Studienfach steckt

Von der RedaktionAktualisiert am 25. Oktober 20266 Min. Lesezeit

Hochschulbibliothek mit Fachbüchern

Hebammenwissenschaft ist das Fach, in dem Hebammen seit der Reform von 2020 ausgebildet werden. Es verbindet Geburtshilfe mit Forschung: Das Studium soll die Kompetenzen „auf wissenschaftlicher Grundlage und nach wissenschaftlicher Methodik“ vermitteln (§ 9 Abs. 1 HebG). Im Wintersemester 2025/26 studierten 6.457 Menschen Hebammenwissenschaft, 105 davon im Master.

Seit diesem Semester führt das Statistische Bundesamt Hebammenwissenschaft als eigenes Studienfach. Im Bericht für 2024/25 gab es diese Zeile noch nicht.

Was Hebammenwissenschaft laut Gesetz leisten soll

Das Hebammengesetz beschreibt das Studienziel in § 9 ausführlich. Der Kern: Du sollst Frauen und Familien in Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit selbständig betreuen, im Krankenhaus wie ambulant. Der Katalog in § 9 Abs. 4 zählt auf, was Du allein können musst. Eine Schwangerschaft feststellen gehört dazu, ebenso physiologische Geburten bei Schädellage leiten, im Dringlichkeitsfall eine Steißgeburt durchführen und im Notfall die Plazenta manuell lösen oder Mutter und Kind wiederbeleben.

Der wissenschaftliche Teil steht in § 9 Abs. 3. Das Studium soll Dich befähigen,

  1. hochkomplexe Betreuungsprozesse auf wissenschaftlicher Grundlage zu planen, zu steuern und zu gestalten,
  2. Dir Forschungsgebiete der Hebammenwissenschaft zu erschließen und Ergebnisse in die Praxis zu übertragen,
  3. kritisch-reflexiv mit theoretischem und praktischem Wissen umzugehen und
  4. an Qualitäts- und Risikomanagement, Leitlinien und Expertenstandards mitzuwirken.

Den Grund für diese Ausrichtung nennt der Gesetzentwurf von 2019 (BT-Drucksache 19/10612). Die EU-Richtlinie 2005/36/EG verlange, dass eine Hebamme „genaue Kenntnisse der Wissenschaften“ hat, auf denen ihre Tätigkeit beruht. Für die hebammengeleitete Geburtshilfe seien evidenzbasierte Konzepte „dringend erforderlich“.

Hebammenwissenschaft studieren: ein Fach, viele Namen

Den Begriff „Hebammenwissenschaft“ kennt das Gesetz nicht, es spricht nur vom Hebammenstudium. Die Hochschulen wählen ihre Studiengangsnamen selbst:

Name des Studiengangs Beispiele
Hebammenwissenschaft Freiburg, Tübingen, Bonn, Münster, MLU Halle-Wittenberg
Angewandte Hebammenwissenschaft Universität zu Köln, Charité, DHBW, Hochschule Niederrhein
Hebammenkunde OTH Regensburg, KSH München, TH Aschaffenburg, Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
Internationaler Studiengang Hebammen Hochschule Bremen
Hebamme primärqualifizierend HAW Landshut

Für den Beruf ist der Name egal. Entscheidend ist ein anderes Wort: primärqualifizierend. Nur solche Studiengänge enthalten die staatliche Prüfung und führen zur Erlaubnis. Daneben gibt es Angebote für Hebammen, die schon eine Erlaubnis haben, etwa „Hebamme weiterqualifizierend“ in Landshut, einen berufsintegrierenden Studiengang an der DHBW in Stuttgart oder den berufsbegleitenden Bachelor „Berufspädagogik – Hebammenkunde“ an der Fliedner Fachhochschule. Wer neu anfängt, ist dort falsch.

Angeboten wird das Fach an Universitäten, dort meist an der Medizinischen Fakultät, an Hochschulen für angewandte Wissenschaften und an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Im Wintersemester 2025/26 studierten 3.879 Menschen Hebammenwissenschaft an Fachhochschulen und 2.578 an Universitäten. Für den Beruf spielt der Hochschultyp keine Rolle: Alle primärqualifizierenden Studiengänge enden mit einem Bachelor und der staatlichen Prüfung.

Ob ein Studiengang den Vorgaben des Hebammengesetzes entspricht, prüft die zuständige Landesbehörde bei der Akkreditierung (§ 12 HebG). Alle primärqualifizierenden Studiengänge mit ihren Kliniken findest Du in der Übersicht der Studienorte. Wie Ablauf, Dauer und Abschluss aussehen, steht im Artikel Hebamme studieren.

Wissenschaftliches Arbeiten im Studium

Was „wissenschaftlich“ im Alltag heißt, zeigen die Pflichten aus § 9 Abs. 3. Du lernst, Studien zu lesen und zu bewerten, Leitlinien anzuwenden und Dein eigenes Handeln zu prüfen. Lebenslanges Lernen nennt das Gesetz ausdrücklich als Teil der beruflichen Biografie (§ 9 Abs. 1 HebG). Welche Fächer mindestens vorkommen, gibt die EU vor: Die Studien- und Prüfungsverordnung übernimmt die Fächerliste aus Anhang V der Richtlinie 2005/36/EG als Anlage 12, und das Curriculum muss sie umfassen (§ 3 HebStPrV) – von Grundfächern wie Anatomie und Physiologie bis zu spezifischen Fächern für Hebammen wie Embryologie oder Analgesie, Anästhesie und Wiederbelebung.

Auch die Lehrenden sind gesetzlich festgelegt. Unterrichten darf nur, wer mindestens den akademischen Grad hat, den das Studium verleiht (§ 20 Abs. 1 HebG). Die Studiengangsleitung muss außerdem selbst die Erlaubnis als Hebamme besitzen (§ 20 Abs. 2 HebG). Bis Ende 2030 dürfen Hochschulen praktische Lehrveranstaltungen noch von Hebammenschulen durchführen lassen (§ 75 HebG).

Der Praxisanteil bleibt hoch. Mindestens 2.200 der 4.600 Stunden verbringst Du in Kliniken und bei freiberuflichen Hebammen, mindestens 40 Geburten führst Du selbst durch. Welche Kompetenzbereiche und Mindesttätigkeiten das Studium umfasst, zeigt der Artikel zu den Inhalten des Hebammenstudiums.

Master und Promotion

Nach dem Bachelor kannst Du weiterstudieren. Die folgenden Masterstudiengänge sind auf den Seiten der Hochschulen belegt; die Liste ist nicht vollständig.

Hochschule Master Stand Oktober 2026
Universität zu Köln Advanced Midwifery Practice (M.Sc.) seit dem Wintersemester 2025
Universität Tübingen Hebammenwissenschaft und Frauengesundheit konsekutiv zum Bachelor
HWG Ludwigshafen und Universität Mainz Hebammenwissenschaft – Advanced Practice Midwifery (M.Sc.), drei Semester Start zum Sommersemester 2027 geplant, Akkreditierung läuft
Katholische Stiftungshochschule München Midwifery-Led Care (M.Sc.), fünf Semester, berufsbegleitend laufend, Start im Wintersemester
Charité Berlin Master Hebammenwissenschaft laut Berliner Senat „vorerst zurückgestellt“

Die Ziele unterscheiden sich. Der geplante Master in Ludwigshafen und Mainz richtet sich an Hebammen, die ihre klinische Expertise vertiefen wollen; die KSH bereitet nach eigener Aussage auf Lehre, Leitung und Forschung vor. Dazu kommen benachbarte Fächer, etwa Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der MLU Halle-Wittenberg oder „Innovative Versorgungspraxis in der Pflege und im Hebammenwesen“ an der HWG Ludwigshafen.

Promovieren ist an Medizinischen Fakultäten möglich. Die Universität Tübingen nennt ein Promotionsprogramm ausdrücklich als Weg nach dem Master. Die Zahlen sind noch klein: Das Statistische Bundesamt zählte im Wintersemester 2025/26 im Fach Hebammenwissenschaft 6.331 Bachelor- und 105 Masterstudierende sowie 10 Promovierende.

Berufsfelder neben dem Kreißsaal

Die meisten Hebammen arbeiten angestellt in Kliniken oder freiberuflich. Ende 2024 waren in deutschen Krankenhäusern 11.447 Hebammen angestellt, 74,6 Prozent davon in Teilzeit; dazu kamen 1.433 Beleghebammen in 121 Krankenhäusern. In der Vertragspartnerliste des GKV-Spitzenverbands standen im Oktober 2025 18.687 freiberufliche Hebammen. Geburtshilfe bietet laut GKV-Spitzenverband etwa ein Viertel von ihnen an.

Mit dem Studium kommen Aufgaben dazu, die eine wissenschaftliche Qualifikation voraussetzen:

  • Studierende in der Praxis anleiten; dafür brauchst Du zwei Jahre Berufserfahrung im jeweiligen Bereich und eine berufspädagogische Zusatzqualifikation von mindestens 300 Stunden (§ 10 HebStPrV)
  • an Hochschulen lehren oder einen Studiengang leiten (§ 20 HebG)
  • forschen, meist nach Master und Promotion
  • Leitungs- und Fachrollen übernehmen; die Universität Tübingen nennt für Masterabsolventen Bereichsleitung, Projektleitung, Stabsstellen und die Rolle als Advanced Practice Midwife

Was Du in diesen Rollen verdienst, steht im Artikel zum Gehalt als Hebamme. Einen weiteren Blick auf das Fach bietet der Beitrag Hebammenwissenschaft im Job-Check auf medizinstudium24.de.

Abgrenzung zu Medizin und Pflege

Zur Medizin ist die Grenze gesetzlich gezogen. Geburtshilfe dürfen außer Ärzten nur Personen mit einer Erlaubnis als Hebamme leisten, Notfälle ausgenommen (§ 4 Abs. 1 HebG). Umgekehrt müssen Ärzte dafür sorgen, dass bei jeder Geburt eine Hebamme hinzugezogen wird (§ 4 Abs. 3 HebG). Die Hebamme leitet physiologische Geburten selbständig. Erkennt sie Regelwidrigkeiten, die ärztliche Behandlung erfordern, veranlasst sie diese und übergibt Frau und Neugeborenes fachgerecht in die ärztliche Weiterbehandlung (§ 9 Abs. 4 HebG).

Auch von der Pflege trennt die Hebamme ein eigenes Berufsrecht – mit eigenem Gesetz, eigener Prüfung und eigener Erlaubnis. Eine Pflegeausbildung öffnet zwar den Zugang zum Hebammenstudium, auch ohne zwölf Schuljahre (§ 10 Abs. 1 HebG). Angerechnet wird sie aber nicht, das Studium dauert für Pflegekräfte genauso lang. Was das für den Wechsel bedeutet, erklärt der Ratgeber zum Quereinstieg aus der Pflege. Warum es die alte Hebammenausbildung nicht mehr gibt, steht im Artikel zur Hebammenausbildung.

Quellen

Häufige Fragen

Nein. Hebammenwissenschaft ist ein eigenes Fach mit eigenem Berufsgesetz und führt zur Erlaubnis als Hebamme, nicht zur Approbation als Arzt. Viele Studiengänge sind aber an Medizinischen Fakultäten angesiedelt, etwa in Köln, Bonn, Münster, Freiburg und Tübingen.
Nicht in einem Studiengang, der zum Beruf führt. Das Hebammengesetz schreibt mindestens 2.200 Praxisstunden vor, davon 1.280 im Krankenhaus in Schwangerschaft und Geburt, und mindestens 40 selbst durchgeführte Geburten. Studiengänge ohne diesen Praxisteil richten sich an Hebammen, die schon eine Erlaubnis haben, etwa Master oder weiterqualifizierende Bachelor.
Ja. Für Hebammen mit Ausbildung nach altem Recht gibt es eigene Wege, etwa fünf Semester an der Katholischen Stiftungshochschule München oder den Einstieg im vierten Semester an der Evangelischen Hochschule Berlin. Masterstudiengänge setzen einen ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschluss voraus.
Im Wintersemester 2025/26 zählte das Statistische Bundesamt 10 Promovierende im Fach Hebammenwissenschaft, dazu 105 Masterstudierende und 6.331 im Bachelor. Promotionsprogramme bieten Medizinische Fakultäten an, die Universität Tübingen nennt eines ausdrücklich als Weg nach dem Master.

Redaktion hebamme-studium.de

Die Redaktion von hebamme-studium.de pflegt die Studienort-Datenbank, die Fristen und die Ratgeber. Jede Angabe hat eine Quelle und ein Prüfdatum; Korrekturen stehen im Änderungsprotokoll.

So arbeiten wir · Fehler melden